Weiß-Schwarz nach 98 Jahren

Fotografische Glasplatten 98 Jahre nach ihrer Herstellung zu belichten, das hat ja schon was – das ganze aber mit einer echten Solarisation zu paaren, das ist sicherlich weder alltäglich noch alljährlich.

ws98_PlatteErgebnis

Auf Ebay hatte ich im letzten Jahr fotografische Glasplatten ersteigert, zwölf Flavin-Platten, im Format 13×18 cm. Hergestellt wurden die Platten von Hauff, einem früher mal recht bekannten Hersteller aus Stuttgart-Feuerbach. Neugierig gemacht hatte mich das auf der Packung aufgedruckte Herstellungsdatum: 4. August 1917.

ws98_PlatteVerpackt

Die Flavin-Platten

ws98_Platte1917

Das exakte Herstellungsdatum

Zu ihrer Zeit waren die Flavin-Platten schon etwas Besonderes. Es handelte sich um orthochromatische Platten mit einem erweiterten Gelb-Bereich. Aufnahmen auf diesen Platten stellten die farbige Welt zwar weiterhin in Graustufen dar, diese aber waren nunmehr „natürlicher“, weil Rottöne jetzt endlich etwas heller und damit nicht ganz so stark dunkel wie bisher waren.

Die Flavin-Platten hatten eine Licht-Empfindlichkeit von 16° (europäischen) Schreiner, was heute ISO 3/6° entspricht. Die Platten waren also um 5 Blenden reichlicher zu belichten, als dies bei heutiger Standard-Empfindlichkeit ISO 100/21° der Fall wäre. Anstatt einer 30tel wäre damit 1 Sekunde lang zu belichten.

Um eine solche Glasplatte zu belichten bedarf es einer passenden Kamera, eine welche in aller Regel weder einen Canon-, noch einen Nikon-Schriftzug ziert. Meine „Reisekamera“, ein paar Jährchen älter als die Platten, kam für diesen Zweck zum Einsatz. Die Kamera ist eigentlich für 18×24 cm Platten vorgesehen, kann aber mittels Adapter auch mit 13×18 cm Material umgehen.

ws98_Kamera

Mit solch einer Kamera wurde belichtet

In einem ersten Versuch habe die Platte partiell unterschiedlich belichtet. Die kürzeste Zeit wurde entsprechend der ursprünglichen Empfindlichkeit gewählt, die längste Belichtung lag bei etwa 9! Blenden darüber. Zuhause entwickelt (Rodinal 1:100, 2 Stunden Standentwicklung), trat eine gewisse Ernüchterung ein. Die Platte war durchgängig geschwärzt, am Außenrand deutlicher als im Innenbereich. Vom eigentlichen Motiv war nichts zu sehen. Für mich sah das nach einem tüchtigen und durchgängigen Grauschleier aus.

Im Prinzip hatte ich die Hoffnung aufgegeben, wollte aber dann doch sicher sein, dass da wirklich gar nichts mehr zu machen war. Ein zweiter Versuch wurde gestartet. Bei strahlendem Sonnenschein ließ ich das Licht dieses mal eine ganze Stunde lang auf die Platte „einprügeln“, das waren nun 15 Blenden Überbelichtung. Bezogen auf heutigen ISO 100/21° Film war das eine Überbelichtung von 20 Blenden, damit einer 1.000.000-fachen Lichtmenge.

Wieder zuhause unter Rotlicht im heimischen „Labor“ stellte sich mir nach einem kurzen, verblüfften Blick auf die belichtete Glasplatte die Frage: Seit wann kann man denn ein latentes Bild ohne weitere Hilfsmittel sehen?

Die Szene, im Wesentlichen ein Baum vor hellem Himmel, hatte sich alleine durch die lange Belichtung in die Emulsion der Glasplatte als Negativ „eingebrannt“. Diesen Effekt kannte ich schon von stundenlang belichtetem Fotopapier in einer Kamera; ich dachte immer bei „Film“ sei das nicht möglich.

Ursprünglich wollte ich auch diese Platte wieder 2 Stunden in Rodinal baden – aber da würde doch bestimmt alles schwarz zulaufen? Was nun?

Ich legte die Platte einfach mal in die Schale mit dem Entwickler. Was passierte denn da? Ich sah plötzlich kein Negativ mehr, sondern vielmehr ein Positiv vor mir! Eine echte Solarisation aufgrund der langen Belichtungszeit?

Für eine Beurteilung der Dichte nach Sicht fehlte mir jegliche Erfahrung, bisher verschwand ja alles was ich entwickelte hatte in der Jobo-Dose. Zudem wollte ich unter keinen Umständen, dass die Aufnahme durch zu lange Entwicklung vielleicht wieder im Schwarz versank. Statt der üblichen 2 Stunden gönnte ich der Aufnahme daher nur lächerlich knappe 10 Minuten im Entwicklerbad. Kurzes Stoppen, übliche Fixierung, wässern, trocknen, begutachten.

ws98_PlatteDurchsicht

Die Platte zeigt die Szene in Positiver Darstellung

Die Dichte des Ergebnisses war keinesfalls perfekt, im Gesamtergebnis ziemlich flau. Auch zeigten sich irgendwelche Unklarheiten im unteren Drittel des Baumes. Aber – es war ein Positiv, eine echte Solarisation auf einer vor 98 Jahren hergestellten fotografischen Platte. Unglaublich…

Es bleibt nun im Moment leider unklar, ob bei der ersten Platte etwas falsch lief oder ob das fast 100 Jahre alte Material, wegen seines Grundschleiers, vielleicht ausschließlich für Solarisationen zu gebrauchen ist.

Gut, ich werde wohl noch 2 weitere Platten für Testzwecke „opfern“ um dann für 2017, zum 100-jährigen dieser Platten, bestens für weitere Aufnahmen gewappnet zu sein.

ws98_PlatteErgebnis